Kanada in Kürze: was dich erwartet, was es kostet, und für wen es nicht passt.
Du brauchst ein Visum
Ohne Aufenthaltstitel geht nichts: Kanada wählt aus, und zwar nach einem Punktesystem, das Alter, Ausbildung, Sprache und Berufserfahrung bewertet.
Arbeiten und Geld
Arbeitsmarkt und Gehalt
Die Gehälter liegen in qualifizierten Berufen über dem deutschen Niveau, bleiben aber deutlich unter den amerikanischen. Gesucht sind Gesundheitsberufe, Handwerk und Bau, IT, Ingenieurwesen und Logistik, und genau dafür gibt es eigene Auswahlrunden im Punktesystem. Die typische Hürde für Zugezogene ist nicht die Qualifikation, sondern die Forderung nach kanadischer Berufserfahrung, die in Stellenanzeigen oft mitschwingt. Der Arbeitsmarkt ist beweglicher als der deutsche, Kündigungsfristen sind kurz, und wer den ersten Job im Land hat, kommt danach leichter weiter.
Berufsabschlüsse und Anerkennung
Zuständig ist nicht der Bund, sondern die jeweilige Provinz und dort eine benannte Berufsorganisation. Für Gesundheitsberufe, Ingenieurwesen, Recht und Lehrberufe brauchst du eine Lizenz dieser Stelle, oft mit Zusatzprüfung, Praxisnachweis und Sprachtest, und das kann Monate bis Jahre dauern. Für den Antrag auf Daueraufenthalt selbst brauchst du eine Bewertung deiner Abschlüsse durch eine anerkannte Stelle, üblich ist World Education Services. Im Handwerk läuft die Anerkennung über das Red-Seal- Programm, das eine Prüfung verlangt, dafür aber landesweit gilt.
Steuern
Besteuert wird auf zwei Ebenen, vom Bund und von der Provinz, und die Sätze der Provinzen unterscheiden sich erheblich. Wer in Kanada ansässig ist, erklärt sein weltweites Einkommen. Das Doppelbesteuerungsabkommen mit Deutschland verhindert doppelte Besteuerung, nicht doppelte Erklärungen. Zwei Punkte fallen Deutschen auf: Die Verkaufssteuer wird erst an der Kasse aufgeschlagen, und wer Kanada später wieder verlässt, kann auf bestimmte Vermögenswerte eine Wegzugsbesteuerung auslösen. Wer mit Vermögen kommt, klärt die Fristen und Meldepflichten vor dem Umzug.
Lebenshaltungskosten
Insgesamt höher als in Deutschland, wobei fast der gesamte Unterschied auf das Wohnen entfällt. Toronto und Vancouver gehören zu den teuersten Wohnungsmärkten der westlichen Welt, während Provinzen wie Manitoba, Nova Scotia oder Alberta deutlich günstiger sind. Lebensmittel und Mobilfunk sind teurer als in Deutschland, das Auto ist außerhalb der großen Städte Pflicht, und im Winter ist Heizen ein spürbarer Posten. Preise werden ohne Steuer ausgezeichnet, und Trinkgeld ist fest eingeplant.
Wohnen und Alltag
Miete, Beispiel Toronto
Für eine Dreizimmerwohnung in Toronto solltest du mit 2.800 bis 3.800 kanadischen Dollar im Monat rechnen, in Vancouver ähnlich, in Calgary oder Winnipeg deutlich weniger.
Wohnungssuche
Vermieter verlangen üblicherweise eine Kreditauskunft, Einkommensnachweise und Referenzen früherer Vermieter, und genau das fehlt in den ersten Monaten. Übliche Auswege sind mehrere Monatsmieten im Voraus oder ein Bürge. In vielen Provinzen ist eine klassische Kaution gesetzlich gar nicht zulässig, stattdessen wird der letzte Monat im Voraus verlangt. Verträge laufen meist zwölf Monate, danach oft unbefristet weiter, und der Kündigungsschutz für Mietende ist in Ontario und British Columbia vergleichsweise stark. Möbliert wird selten vermietet, Küchengeräte und häufig auch Waschmaschine sind dagegen fast immer vorhanden.
Sprache
Englisch im größten Teil des Landes, Französisch in Québec und in Teilen von New Brunswick und Ontario. Beides zählt im Punktesystem, und ein amtlicher Sprachtest ist Pflichtbestandteil des Antrags, auch für Menschen mit fließendem Englisch. Wer Französisch kann, hat einen echten Vorteil, weil eigene Auswahlrunden für frankophone Bewerbungen laufen. In Québec ist Französisch nicht nur Umgangssprache, sondern gesetzlich verankerte Arbeits- und Amtssprache, und das ist strenger, als Zugezogene erwarten.
Schule und Kinder
Öffentliche Schulen sind kostenlos und haben einen guten Ruf, das Niveau schwankt weniger stark als in den USA. Die Schule richtet sich nach dem Wohnbezirk, und in Québec läuft der Unterricht für die meisten Kinder verpflichtend auf Französisch. Der Wechsel fällt kleinen Kindern leicht und Jugendlichen schwer. Kinderbetreuung war lange sehr teuer, wird durch ein bundesweites Programm aber schrittweise günstiger, wobei die Plätze knapp sind. Universitäten sind gebührenpflichtig, für Daueraufenthaltende aber deutlich günstiger als für internationale Studierende.
Ankommen und bleiben
Einreise und Anmeldung
Ein Einwohnermeldeamt gibt es nicht. Der erste Gang nach der Ankunft ist die Social Insurance Number, ohne die kein Gehalt ausgezahlt wird. Danach folgen die Anmeldung bei der Krankenversicherung der Provinz, ein Bankkonto, der Umtausch des Führerscheins und der Aufbau einer Kredithistorie. Der deutsche Führerschein wird je nach Provinz unterschiedlich behandelt, in manchen Fällen direkt umgeschrieben, in anderen mit Prüfung. Deine Berufserfahrung aus Deutschland zählt für die Versicherungseinstufung beim Auto übrigens nicht, hol dir vorher eine Schadenfreiheitsbescheinigung deiner deutschen Versicherung.
Krankenversicherung
Jede Provinz betreibt ihr eigenes steuerfinanziertes System, und du meldest dich dort nach der Ankunft an. Arztbesuch und Krankenhaus sind damit kostenfrei, in mehreren Provinzen aber erst nach einer Wartezeit von bis zu drei Monaten. Für diese Lücke brauchst du zwingend eine private Übergangsversicherung, sonst trägst du im Ernstfall alles selbst. Nicht enthalten sind Zahnbehandlung, Brillen und die meisten Medikamente außerhalb des Krankenhauses. Dafür gibt es Zusatzversicherungen, die üblicherweise über den Arbeitgeber laufen und Teil des Gehaltspakets sind. Die Wartezeiten auf Fachärzte und planbare Eingriffe sind lang.
Daueraufenthalt und Einbürgerung
Wer über das Punktesystem einreist, kommt in der Regel direkt als Permanent Resident. Damit hast du fast alle Rechte außer dem Wahlrecht, musst aber die Residenzpflicht erfüllen und innerhalb von fünf Jahren mindestens zwei Jahre im Land verbringen. Die Einbürgerung ist möglich, wenn du in den letzten fünf Jahren drei Jahre physisch anwesend warst, dazu kommen ein Sprachnachweis und ein Test über Land und Geschichte. Kanada akzeptiert Mehrstaatigkeit, und Deutschland verlangt seit der Reform im Juni 2024 keine Aufgabe des deutschen Passes mehr.
Deutsche Rente
Die deutsche Rente wird nach Kanada gezahlt. Zwischen Deutschland und Kanada besteht ein Sozialversicherungsabkommen, sodass Beitragszeiten für die Anspruchsprüfung berücksichtigt werden und du nicht doppelt einzahlst. Québec hat ein eigenes Abkommen, weil die Provinz ein eigenes Rentensystem betreibt. Wer in Kanada arbeitet, erwirbt Ansprüche im Canada Pension Plan, dazu kommt die staatliche Grundrente Old Age Security, die an Wohnjahre im Land gebunden ist. Betriebliche Vorsorge läuft häufig über einen Arbeitgeberplan, in den auch der Arbeitgeber einzahlt.
Was anders ist als zu Hause
Nichts davon steht im Merkblatt einer Behörde. Es ist das, worüber sich Zugezogene im ersten Jahr am häufigsten wundern.
Der Winter ist keine Jahreszeit, sondern ein Plan
In weiten Teilen des Landes liegt monatelang Schnee bei zweistelligen Minusgraden. Winterreifen, richtige Kleidung, Garage und ein Auto, das bei minus 30 Grad startet, sind keine Extras, sondern Grundausstattung.
Der Preis an der Kasse ist ein anderer
Ausgezeichnet wird ohne Verkaufssteuer, und Trinkgeld ist fest eingeplant, im Restaurant üblicherweise 15 bis 20 Prozent. Wer mit deutschen Gewohnheiten rechnet, liegt regelmäßig deutlich unter dem tatsächlichen Betrag.
Entfernungen sind eine eigene Kategorie
Zwischen zwei Nachbarstädten liegen schnell mehrere Autostunden, und ein Inlandsflug dauert länger als der Weg von Deutschland nach Spanien. Wer Freunde und Familie besuchen will, plant das im Budget ein.
Höflichkeit ist echt, aber unverbindlich
Der Umgang ist warm, offen und geduldig, Einladungen kommen schnell. Daraus wird nicht automatisch Freundschaft. Beides schließt sich nicht aus, es sind nur andere Ebenen als zu Hause.
Der Zahnarzt steht nicht im System
Zähne, Brillen und viele Medikamente zahlst du selbst oder über eine Zusatzversicherung des Arbeitgebers. Wer eine größere Behandlung vor sich hat, erledigt sie besser vor dem Umzug.
Vielfalt ist Normalzustand, nicht Thema
In den großen Städten ist fast jede zweite Person zugewandert, und genau deshalb ist ein Akzent kein Merkmal. Anschluss zu finden ist einfacher als in den meisten europäischen Ländern.
Was am Fahrplan anders ist
- Schritt 4: Der aufwendigste Schritt. Erst Sprachtest und Zeugnisbewertung, dann das Profil im Punktesystem, dann alles andere.
- Schritt 5: Berufslizenzen vergibt die Provinz, nicht der Bund. Im Handwerk führt der Weg über das Red-Seal-Programm.
- Schritt 6: Die Provinzversicherung greift teils erst nach bis zu drei Monaten. Für diese Zeit ist eine private Police Pflicht.
- Schritt 7: Bund und Provinz besteuern getrennt. Beim späteren Wegzug kann eine Wegzugsbesteuerung anfallen.
- Schritt 12: Kein Meldeamt. Zuerst die Sozialversicherungsnummer, dann Krankenversicherung, Konto, Führerschein und Kredithistorie.
Ehrlich gesagt
Kanada ist das Ziel mit den fairsten Regeln außerhalb Europas. Das Punktesystem sagt dir vorher, ob du eine Chance hast, und es sagt es dir nachvollziehbar. Das ist mehr, als die meisten Länder bieten, und es macht den Weg planbar. Der Preis steht in den Zahlen: Das Verfahren dauert Monate bis Jahre, die Sprachtests sind Pflicht, auch wenn dein Englisch gut ist, und der Wohnungsmarkt in Toronto und Vancouver hat sich so weit von den Löhnen entfernt, dass viele Zugezogene in kleinere Provinzen ausweichen. Der Winter ist härter, als Bilder vermuten lassen, und die Entfernungen ändern das Familienleben, weil ein Besuch bei den Großeltern kein Wochenendausflug mehr ist. Was du dafür bekommst, ist ein funktionierendes Gemeinwesen, gute Schulen, eine Gesellschaft, in der Zugewanderte nichts Besonderes sind, und ein Arbeitsmarkt, der Leistung schnell honoriert. Wer Geduld für das Verfahren mitbringt und beim Wohnort flexibel ist, hat hier eine ehrliche Chance.
Passt zu dir, wenn
- Fachkräfte unter 45 mit gutem Englisch oder Französisch
- Handwerksberufe mit Bereitschaft zur Red-Seal-Prüfung
- Familien, die Schule und Sicherheit über Nähe zu Europa stellen
Passt nicht, wenn
- Wer schnell umziehen will, das Verfahren dauert
- Alle ohne Rücklagen für Miete und Übergangsversicherung
- Wer auf Toronto oder Vancouver festgelegt ist und knapp kalkuliert
- Kälteempfindliche, der Winter ist kein Klischee
Amtliche Anlaufstellen
- Immigration, Refugees and Citizenship CanadaPunktesystem, Antragswege, Bearbeitungszeiten, Einbürgerung.
- Canada.ca, AmtsportalBehörden, Formulare, Leistungen des Bundes.
- Canada Revenue AgencySteuerpflicht, Erklärung, Ansässigkeit, Wegzug.
- Service Canada, Social Insurance NumberSozialversicherungsnummer, erster Behördengang nach Ankunft.
- World Education ServicesBewertung ausländischer Abschlüsse für den Einwanderungsantrag.
- Red Seal ProgramAnerkennung und Prüfung in gewerblich-technischen Berufen.
- Deutsche Botschaft OttawaKonsularische Fragen, Dokumente, Krisenvorsorgeliste.
- Deutsche RentenversicherungRentenzahlung nach Kanada, Sozialversicherungsabkommen.
Nächster Schritt
Der Fahrplan: 12 Schritte von der Entscheidung bis zum Ankommen